Gonçalo M. Tavares: drei »Senhores« auf deutsch.

24 Mär 2020

Mit Herrn Valéry, Herrn Henri und Herrn Brecht sind soeben die drei ersten »Senhores« aus Gonçalo M. Tavares' legendärem »Bairro« auf deutsch erschienen.

Der Verlag Edition Korrespondenzen, der plant, sukzessive alle Bände der berühmten literarischen Paraphrasen von Gonçalo M. Tavares auf deutsch zu veröffentlichen, schreibt dazu:

Literatur ist für Gonçalo M. Tavares mit der Idee eines offenen Raums verbunden, der Bewegung, Spiel und Erkenntnis ermöglicht. So hat der Autor ein ganzes Viertel erschaffen und dieses mit illustren Herrschaften bevölkert; wir stoßen auf Namen wie Brecht, Breton, Calvino oder Eliot. Jeder von ihnen ist Bewohner eines eigenen kleinen Buches. Tavares selbst bezeichnet das Ensemble als »ein Asterix’sches Dorf: ein Ort, an dem man versucht, dem Eintritt der Barbarei zu widerstehen«. Nur einer der Herren entzieht sich der Nachbarschaft: Herr Walser lebt abseits, im Wald. Diese höchst vergnüglichen Bände sind kleine Hommagen, die die Sprache des jeweiligen Schriftstellers und seine spezifische Sicht auf alltägliche Fragen paraphrasieren.

Der »Herr Brecht« ist ein Geschichtenerzähler, der in einem praktisch leeren Raum sitzt und düstere Schnurren zum Besten gibt. Mit dem kontinuierlichen Beschreiben von Misserfolgen wird er aber immer erfolgreicher. Allmählich füllt sich der Saal, bis er dermaßen voll ist, dass niemand mehr durch die Tür passt – und so steckt Herr Brecht mit seinem eigenen Erfolg in der Falle.

Auch ein gewisser »Herr Valéry« lebt in dem Viertel, der immer ein Buch mit sich trägt, das er zugleich als Brieftasche verwendet, weil er Literatur und Geld nicht trennen mag. Wer Herrn Valéry am Kaffeehaustisch sitzen sieht, wie er sein Buch mit beiden Händen fest umklammert, vermag nicht zu sagen, ob seine verkrampften Arme Ausdruck von kleinlichem Geiz sind oder von tiefer Zuneigung zur Literatur. In 25 Geschichten zeichnet Tavares das Porträt eines Mannes, der sich mithilfe der Logik mehr oder weniger erfolgreich an seine Umgebung anzupassen versucht. Ein Unterfangen, das zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn ist.

Und schließlich »Herr Henri«, ein Redner. Er hat zwei große Lieben: Absinth und Enzyklopädien. Solange das Absinth-Trinken anhält, schwadroniert er über die verschiedensten enzyklopädischen Themen. Seine Mitteilungen scheinen die Gesprächspartner nicht zu interessieren, doch das ist kein ausreichender Grund für Herrn Henri, den Mund zu halten. Mit zunehmender Dauer entfaltet der Absinth seine Wirkung.

»Herr Henri sagte: Wenn einer Absinth mit der Wirklichkeit mischt, kommt eine bessere Wirklichkeit dabei heraus … Aber sicher ist auch, dass, wenn jemand Absinth mit der Wirklichkeit mischt, der Absinth schlechter wird … Früh schon habe ich die wichtigsten Entscheidungen getroffen, die es im Leben zu treffen gilt – sagte Herr Henri … Ich habe nie den Absinth mit Wirklichkeit vermischt, um die Qualität des Absinths nicht zu mindern.«

Gonçalo M. Tavares:
»Herr Valéry und die Logik«
»Herr Henri und die Enzyklopädie«
»Herr Brecht und der Erfolg«
alle in der Übersetzung von Michael Kegler. Edition Korrespondenzen, 2020.

Außerdem liegen von Gonçalo Tavares auf deutsch vor:

Wasser, Hund, Pferd, Kopf. Übers.: Michael Kegler. Verlag der Apfel, 2008
Die Versehrten. Übers.: Übers.: Marianne Gareis. DVA, 2012
Joseph Walsers Maschine.: Übers.:  Marianne Gareis. DVA, 2014