Rubem Fonseca (1925-2020)

16 Apr 2020

Rubem Fonseca ist tot. Der Altmeister des brasilianischen Krimis starb am 15. April im Alter von 94 Jahren in Rio de Janeiro. Brasilianische und internationale Zeitungen loben ihn als Erneuerer der literarischen Sprache, und in der Tat überführte Fonseca, der nach dem Jurastudium in den 1950er Jahren einige Jahre im Polizeidienst war, die präzise und knallharte, filmische Diktion amerikanischer Kriminalromane in die brasilianische Literatur, gepaart mit einer ganz eigenen Art von Sarkasmus, der von Anfang an als brutal missverstanden wurde. Sein Erzählband »Feliz ano novo« war deswegen zeitweilig verboten.

Der portugiesische Schriftsteller Rui Zink schreibt auf Twitter: »Als ich das erste mal eine seiner Geschichten las, war es wie einen Kopfstoß direkt in die Grammatik. Ich wusste nicht, dass man so schreiben kann. Brasilien verliert einen seiner Großen, die portugiesische Sprache einen Meister und die Literatur einen der Gerechten.«

Vor allem seine Erzählungen (er veröffentlichte fast 20 Erzählbände) sind unvergessen. Emblematisch ist »O cobrador«, »Der Abkassierer« (auf deutsch von Karin von Schweder-Schreiner, Piper 1989) in der ein junger Mann bewaffnet durch die Straßen zieht: »Alle Leute schulden mir was! Sie schulden mir Essen, Mösen, Decken, Schuhe, Wohnung, Auto, Uhr, Zähne, alles schulden sie mir. Ein blinder Bettler schüttelt eine Alumiumschale mit Münzen. Ich gebe der Schale einen Tritt, das Scheppern der Münzen geht mir auf die Nerven.«

Rubem Fonseca galt auch im wirklichen Leben als wortkarg und präzise. Altersbedingt lebte er eher zurückgezogen. Legendär bleibt jedoch ein Auftritt auf dem Literaturfestival Correntes d'Escritas 2012, wo er hochbetagt den anwesenden Kolleg:innen die Leviten las: »Genügt es, wahnsinnig zu sein, wenn man Schriftsteller sein will? Nein, man muss auch lesen und schreiben können.« Und: »Hören Sie zu: Es gibt keine Synonyme!«. Kein Satz ist bei Fonseca wohlfeil oder überflüssig.

Generationen von brasilianischen und portugiesischsprachigen Schritsteller:innen diente Fonseca als Vorbild. Allen voran die mehrfach mit dem deutschen Krimipreis ausgezeichnete Patrícia Melo, die auch das Nachwort zur deutschen Ausgabe von Bufo & Spallanzani schrieb. Ihr soll er einmal gesagt haben »Wenn es eine goldene Regel für uns Schriftsteller gibt, dann, dass wir unsere Figuren lieben müssen. Wenn du diesen Typen [den professionellen Mörder aus O matador (Ich töte, du stirbst. Übers.: Barbara Mesquita)] nicht lebst, wird auch kein einziger Leser ihn lieben.« (O Globo, 15.04.2020).

Von seinen insgesamt 12 Romanen erschienen in deutscher Übersetzung von Karin von Schweder-Schreiner: »Bufo & Spallanzani« (1987), »Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken« (1988) »Mord im August« (1990), zuletzt alle im Unionsverlag, inzwischen aber, wie auch »Der Abkassierer« (1989) leider vergriffen.

Seine letzten Erzählungen auf portugiesisch erschienen 2018 unter dem Titel »Carne crua«.

(mk)